Das iPad im Härtetest Regelschule vs. Förderzentrum Hören und Kommunikation (HuK)

Forschungsfrage: Wie unterscheiden sich Umfang, Zweck und Art der Nutzung von iPads im Unterricht an Regelschulen im Vergleich zu einem Förderzentrum für Hören und Kommunikation, und welche spezifischen Potenziale und Herausforderungen ergeben sich daraus für die Förderung von Schülerinnen und Schülern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf?

Forschungswerkstatt: „Medienbildung und Schulentwicklung. Methoden und Konzepte auf dem Prüfstand“ 2025/26 – Andreas Hedrich

Autor*innen: Lena Baesecke

Zusammenfassung: Inklusionsmotor oder digitales Arbeitsblatt? Während iPads in Klassenzimmern mittlerweile zum Standard gehören, zeigt der direkte Vergleich zwischen Regelschule und Förderzentrum HuK fundamentale Unterschiede in der Nutzung. In der Regelschule fungiert das iPad oft als praktisches Werkzeug für die Internetrecherche oder zur Steigerung der Motivation. Am Förderzentrum hingegen wird es zum unverzichtbaren Inklusionsmedium: Hier ermöglicht die Technik – etwa durch Videoaufnahmen von Gebärdensprache – eine barrierefreie Teilhabe, die analog kaum umsetzbar wäre. Die Arbeit zeigt jedoch auch, dass fehlende Hardware und mangelnde technische Unterstützung an beiden Schulformen dazu führen, dass das volle pädagogische Potenzial der Geräte oft noch ungenutzt bleibt. Es stellt sich die Frage: Wie viel Inklusion erlaubt die aktuelle Infrastruktur?

Methode: Um die Diskrepanz zwischen technischer Vision und schulischer Realität aufzudecken, wurde ein methodischer Mixed-Methods-Ansatz gewählt. Das Herzstück der qualitativen Untersuchung bilden zwei tiefgehende Interviews, die einen direkten Vergleich ermöglichen:

  • Interview 1: Eine Lehrkraft an einer Hamburger Regelschule, um den Einsatz im „Standard-Kontext“ zu erfassen.
  • Interview 2: Eine Lehrkraft an einem Förderzentrum für Hören und Kommunikation.

Besonders hervorzuheben ist, dass das Interview am Förderzentrum teilweise in Deutscher Gebärdensprache (DGS) durchgeführt und anschließend transkribiert wurde. Dieser Ansatz war essenziell, um die spezifischen Anforderungen und die besondere Rolle des Tablets als Medium zur barrierefreien Kommunikation für gehörlose und schwerhörige Schüler:innen authentisch abzubilden. Ergänzt wurden diese qualitativen Einblicke durch eine quantitative Online-Befragung von 35 Lehrkräften (24 Regelschullehräfte und 11 Lehrkräfte vom Förderzentrum), um die individuelle Interview-Perspektive in einen breiteren Kontext zu setzen.

Ergebnisse: Zwischen Motivationsschub und infrastruktureller Ernüchterung

Die Auswertung der quantitativen Daten und der zwei Experteninterviews zeichnet ein ambivalentes Bild vom digitalen Unterrichtsalltag.

1. Hohe Motivation vs. digitale Diskrepanz

Über alle Schulformen hinweg besteht Einigkeit über den positiven Einfluss auf die Lernfreude: Die iPad-Nutzung wird als hochgradig motivierend eingeschätzt (Mittelwert 4,26 auf einer 5-stufigen Skala). Doch während die Motivation hoch ist, klafft eine Lücke in der Umsetzung. An der Regelschule ist der Einsatz stark von der individuellen Initiative der Lehrkraft abhängig. Am Förderzentrum für Hören und Kommunikation ist das iPad zwar fest verankert, wird jedoch durch eine prekäre Geräteausstattung ausgebremst: Hier müssen sich oft hunderte Schüler:innen einen sehr begrenzten iPad-Pool teilen.

2. Funktionale Differenzierung: Von der Recherche zur Kommunikation

Die Interviews verdeutlichen, dass das iPad in den beiden Schulformen unterschiedliche Rollen einnimmt:

  • Regelschule: Hier fungiert das Tablet primär als „digitales Lexikon“. Es wird zur Recherche und zur Substitution klassischer Medien genutzt, um Unterrichtsinhalte zu ergänzen oder Präsentationen zu visualisieren.
  • Förderzentrum HuK: Hier zeigt sich eine „funktionale Transformation“. Das iPad dient als zentrales Medium zur barrierefreien Teilhabe. Besonders die Kamerafunktion ist essenziell, um Gebärden aufzuzeichnen und somit Kommunikation über auditive Barrieren hinweg überhaupt erst zu ermöglichen. Neben dem wird aber auch hier das iPad als Ersatz für klassische Medien benutzt.

3. Infrastruktur als zentraler Hemmschuh

Beide Schulformen kämpfen mit strukturellen Hürden, die über den Lernerfolg entscheiden. An der Regelschule dominieren technische Barrieren wie instabiles WLAN oder fehlende Wartungszyklen, die Lehrkräfte im Alltag frustrieren. Am Förderzentrum wiegt der Hardware-Mangel und Software-Mangel schwerer: Die pädagogisch wertvolle Differenzierung scheitert oft nicht am Willen der Lehrkräfte, sondern an der schlichten Abwesenheit der Geräte und fehlender Apps in Gebärdensprache. Zudem beklagen Lehrkräfte an beiden Standorten einen Mangel an didaktisch hochwertigen Apps, die speziell auf sonderpädagogische Förderbedarfe zugeschnitten sind.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Das iPad ist ein mächtiges Werkzeug, entfaltet sein Potenzial aber nur dort, wo es über die reine Mediennutzung hinaus als didaktisch-inklusives Instrument begriffen und durch eine stabile Infrastruktur unterstützt wird.