Narrative Identitätskonstruktion Jugendlicher

Forschungsfragen: Wie denken Jugendliche über ihre eigene Identität nach? Wie beeinflussen Social Media und Peers die diesen Prozess? Welche Rolle spielen dabei soziale Klasse und Geschlechternormen?

Forschungswerkstatt: „Medienbildung und Schulentwicklung. Methoden und Konzepte auf dem Prüfstand“ 2025/26 – Andreas Hedrich

Autor*innen: Sonne Baumann

Zusammenfassung: Wer bin ich eigentlich und was möchte ich mal werden? Diese Frage kennzeichnet die Entwicklungsaufgabe der Identitätsfindung Jugendlicher. Um diesen Prozess zu beleuchten, analysiere ich narrative Identitätskonstruktionen. Dabei vergleiche ich Ergebnisse eines Einzel- und eines Gruppeninterviews je aus 14-jährigen Gymnastiast*innen und fokussiere interaktive Aspekte einer gemeinsamen Sinnbildung und Ko-Konstruktion der wertebasierten Orientierung der Jugendlichen. Vor allem die Aspekte Geschlecht und soziale Klasse sind in diesem Kontext von Interesse.

Methode: Ich wähle dafür eine gemischte Methode: Ich führe zwei narrative Interviews, eines mit einer vorher bereits bekannten Schülerin, eines mit einer Gruppe aus drei Schülerinnen und einem Schüler, die ich im Rahmen des Interviews kennenlerne. Das erste Interview reichere ich inhaltlich an, indem ich auf einem Tablet vier Instagram-Screenshots zeige, die verschiedene Geschlechterkonzepte beinhalten. Darauf folgt eine händische bzw. in Teilen durch noScribe gestützte Basistranskription nach GAT2 sowie eine gemeinsame Grobanalyse nach dem SINUS-Lebensweltmodell und für jedes Interview eine Feinanalyse nach den Kategorien Gender Performance nach Judith Butler bzw. Habitus/soziale Klasse nach Pierre Bourdieu, die miteinander hinsichtlich unterschiedlicher Identitätskonstruktionen verglichen werden.

Ergebnisse: Weiblichkeitsperformance gestaltet sich je nach Habitus sehr unterschiedlich: Während im ersten Interview prekäre und emanzipative, queere Konzepte verhandelt werden, wird im zweiten Interview neoliberale Weiblichkeit, die sich an inkorporiertem Kultur- und sozialem Kapital orientiert, konstruiert. Beide Interviews zeichnen sich dadurch aus, dass die Teilnehmenden internalisierte soziale Erwünschtheit in ihrem Antwortverhalten zeigen: Über „Sinn-Inseln“ bewerkstelligen sie narrativ eine sich stetig in ihrer Reflektiertheit und „Abgeklärtheit“ entwickelnde Identität. Passend dazu positionieren sich in beiden Interviews alle Teilnehmenden kritisch-reflektierend gegenüber Vorbildern aus sozialen Medien, indem im ersten Interview eine vollständige, individualisierte Abgrenzung von Vorbildern vollzogen wird und im zweiten Interview Selbstdarstellungen von Influencerinnen nachgeprüft und zugunsten von „realen“ Vorbildern verworfen werden.