Forschungsfrage:

Inwiefern werden digitale Medien von Lehrkräften als Element und Katalysator inklusiver Bildung wahrgenommen?

Forschungswerkstatt: „Medienbildung und Schulentwicklung. Methoden und Konzepte auf dem Prüfstand“ 2025/26 – Andreas Hedrich

Autor*innen: Anna Benning, Cedric Moosmann, Robert Schmees

Zusammenfassung:

Inklusion und Digitalisierung prägen gegenwärtig umfassende gesellschaftliche Transformationsprozesse und nehmen zugleich eine zentrale Rolle im Diskurs um Schulentwicklung ein. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die Perspektive von Lehrkräften von Bedeutung, da ihnen bei der Überführung schulischer Entwicklungsprozesse in die Praxis eine Schlüsselrolle zukommt. Digitalen Medien wird dabei einerseits ein erhebliches Potenzial für die Umsetzung inklusiver Bildung zugeschrieben, andererseits werden auch mögliche exkludierende Effekte diskutiert. Vor diesem Hintergrund untersucht die vorliegende qualitative Studie, inwiefern digitale Medien von Lehrkräften als Element und Katalysator inklusiver Bildung eingeschätzt werden.

Methode:

Für die Datenerhebung wurden leitfadengestützte Interviews nach Helfferich eingesetzt, um die Perspektive der sechs interviewten Lehrkräfte tiefgreifend zu erfassen. Diese wurden transkribiert und anschließend mithilfe der inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018), ergänzt um Verfahrensschritte der fokussierten Inhaltsanalyse (Kuckartz, 2024), in MAXQDA codiert und ausgewertet.

Ergebnisse:

Die Forschungsergebnisse sind auf drei verschiedenen Ebenen zu verorten, die aufeinander aufbauen. Auf Ebene der Perspektive auf Inklusion zeigte sich eine positive Grundhaltung sowie die Auffassung des Begriffs im Sinne eines weiten Inklusionsverständnisses. Insbesondere die Felder Differenzierung, Individualisierung, Lernbegleitung und soziales Lernen finden Anwendung und erfahren bei den Lehrkräften eine hohe Bedeutung. Auch die Rolle der Lehrkräfte selbst stellt ein Schlüsselelement bei der Berücksichtigung von Heterogenität dar und charakterisiert sich durch ein komplexes und sich dynamisch weiterentwickelndes Handlungsfeld. Grundsätzlich betrachten die Lehrkräfte die Digitalisierung als einen gesamtgesellschaftlichen Prozess, dem sich die Institution nicht entziehen sollte und darf, weswegen sie die Vermittlung digitaler Kompetenzen als wichtige Aufgabe des Unterrichts ansehen. In der jeweiligen Anwendung digitaler Medien verfolgen Lehrkräfte das Ziel, Vertiefungen und Individualisierungen zu ermöglichen. Das Konzept der Diklusion betrachten die Lehrkräfte als prinzipiell förderlich, wobei sie die Verbindung von Inklusion und digitalen Medien in ihrem Unterricht als selbstverständlich ansehen, weswegen die Meinung, ob ein neuer Konzeptbegriff erforderlich ist, ambivalent besprochen wird. Inklusiver Unterricht sei immer das Ziel, so das Stimmungsbild der Lehrkräfte, nur die Frage nach dem „richtigen“ bzw. besten Medium dafür sei eine offene. Digitale Medien wirken hauptsächlich als Element im Rahmen inklusiver Bildung, indem sie als Werkzeuge verwendet werden und bestimmte Prozesse unterstützen. Rahmen- und Strukturbedingungen sowie Ressourcenknappheit führen jedoch in der Praxis auf allen Ebenen des schulischen Alltags zu Herausforderungen und bewirken eine Dilemmasituation von Haltung und Umsetzungsmöglichkeiten. Die systematische Verwendung digitaler Medien mit dem Ziel der Förderung von Inklusion wird hierdurch erschwert. Deshalb konnte die Relevanz digitaler Medien als tatsächlicher Katalysator innerhalb der Forschungsarbeit nur teilweise bejaht werden, da systemische Faktoren, wie Ressourcenverfügbarkeit in Bezug auf Personal, Fachwissen und Zeit, eine noch größere Rolle zu spielen scheinen.

Fazit:

Insgesamt wird deutlich, dass die Lehrkräfte auf Individualebene Ziele von Diklusion verfolgen, die Umsetzung jedoch strukturell erschwert wird. Für die Umsetzung in der Praxis ist aus diesem Grund insbesondere der Ausbau personeller, ausstattungsbezogener und finanzieller Ressourcen von Relevanz, um die Lehrkräfte bei der Umsetzung ihrer Ziele im Rahmen eines inklusiven Unterrichts zu unterstützen und Potenziale zu nutzen. Zudem erscheinen schulinterne Gesamtkonzepte zu digitalen Medien und Inklusion, im besten Falle hinsichtlich eines Diklusionsgedanken, notwendig, um den Lehrkräften und Schüler:innen eine bestmögliche Grundlage zum Vermitteln und Erlernen digitaler Kompetenzen zur Ermöglichung schulischer und gesellschaftlicher Teilhabe zur Verfügung zu stellen.