Zur Wahrnehmung der Balance zwischen Theorie und Praxis im Lehramtsstudium
Forschungsfrage:
Wie bewerten Lehramtsstudierende die Balance zwischen Theorie und Praxis im Studium und welche Erwartungen verbinden sie mit praxisintegrierten Studienmodellen wie dem dualen Lehramtsstudium?
Forschungswerkstatt: „Medienbildung und Schulentwicklung. Methoden und Konzepte auf dem Prüfstand“ 2025/26 – Andreas Hedrich
Autor*innen: Liyan Kalkan & Thore Schlickewei
Zusammenfassung:
Die Fragen nach der Balance zwischen theoretischer Wissensvermittlung an der Universität und schulpraktischer Vorbereitung in der Schule gehört seit Jahren zu den zentralen Auseinandersetzungen bildungswissenschaftlicher sowie bildungspolitischer Diskurse zur Lehrer:innenausbildung. Immer wieder wird dabei kritisiert, dass universitäre Studienanteile zwar wissenschaftlich fundiert, jedoch nur begrenzt anschlussfähig an die vielfältigen und oft komplexen Anforderungen des schulischen Alltags seien. Folglich rückt zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie beide Lernorte strukturell, inhaltlich und didaktisch stärker aufeinander bezogen werden können, um einen Professionalisierungsprozess angehender Lehrkräfte zu ermöglichen. Reformansätze knüpfen genau an dieser Problemlage an, indem sie eine institutionell engere Verzahnung anstreben. Zugleich liegen bislang kaum empirische Befunde vor, wie Lehramtsstudierende selbst die bestehende Theorie- Praxis-Balance wahrnehmen und in welchem Verhältnis diese Wahrnehmungen zu ihrer Haltung und Einstellung gegenüber entsprechender Reformmodellen steht.
Vor diesem Hintergrund setzt die vorliegende Untersuchung an und verfolgt das Ziel, ein aktuelles, differenziertes Meinungsbild von Lehramtsstudierenden zur Wahrnehmung jener Theorie-Praxis-Balance zu erfassen. Ausgangspunkt bildet dabei die Annahme, dass die universitäre Phase der Lehrer:innenausbildung nicht nur eine vorbereitende Funktion erfüllt, sondern maßgeblich beeinflusst, wie angehende
Lehrkräfte ihre professionelle Entwicklung und Vorbereitung einschätzen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, inwiefern wahrgenommene Diskrepanzen in der Verzahnung von Theorie und Praxis mit dem Wunsch nach stärkerer Praxiseinbindung sowie damit einhergehend mit der Offenheit gegenüber alternativen Studienmodellen, wie dem dualen Lehramtsstudium, zusammenhängen.
Um diesen Fragen nachzugehen, wurden vier zentrale Hypothesen formuliert, die sowohl die Bewertung der bestehenden Studienstruktur als auch mögliche Einflussfaktoren wie Studienfortschritt und gemachte (außer- und universitäre) Praxiserfahrungen berücksichtigen. Ziel ist demnach, nicht nur bestehende Problemlagen sichtbar zu machen, sondern auch Hinweise darauf zu gewinnen, in welche Richtung zukünftige Reformüberlegungen bezüglich des Lehramtsstudiums aus studentischer Perspektive gedacht werden müssen.
Methode:
Zur Untersuchung der Forschungsfrage wurde ein quantitatives, hypothesenprüfendes Forschungsdesign gewählt. Die Datenerhebung erfolgte mithilfe eines standardisierten Online-Fragebogens, der über die Plattform LimeSurvey umgesetzt wurde. Der Fragebogen bestand überwiegend aus geschlossenen Items mit fünfstufiger Likert- Skala, die eine differenzierte Erfassung von Einstellungen und Wahrnehmungen ermöglicht. Ebenfalls wurde die Möglichkeit einer offenen Fragestellung gegeben, um punktuelle Gedanken und Perspektiven Studierender aufzugreifen.
H1: „Studierende bewerten die Praxisrelevanz der theoretischen Studienhalte insgesamt als niedrig.“
H2: „Die Mehrheit der Lehramtsstudierenden befürworten eine frühzeitige und kontinuierliche Einbindung in schulpraktische Kontexte im Rahmen des Studiums.“
H3: „Mit zunehmenden Studienfortschritt steigt die Wahrnehmung einer unzureichenden Theorie-Praxis-Verzahnung“
H4: „Studierende, die bereits umfangreiche Praxiserfahrungen gesammelt haben, zeigen eine höhere Offenheit gegenüber einem dualen Lehramtsstudium.“
Insgesamt nahmen 141 Personen an der Befragung teil. Von denen nach Aufbereitung 88 vollständig ausgefüllte Datensätze in die Analyse einbezogen werden konnten. Die Stichprobe umfasst Lehramtsstudierende verschiedener Studiengänge und bildet ein breites Spektrum unterschiedlicher Sichtweisen und Praxiserfahrungen ab.
Die Auswertung erfolgte mit der Statistiksoftware IBM SPSS und umfasst sowohl deskriptive als auch inferenzstatistische Verfahren. Zur Überprüfung von Zusammenhängen wurde eine Spearman-Rangkorrelation berechnet. Für Gruppenvergleiche kam ein t-Test für unabhängige Stichproben zum Einsatz. Die Hypothesen wurden jeweils auf Basis aggregierter Skalenwerte geprüft, die aus mehreren thematisch zusammengehörigen Items gebildet wurden.
Ergebnisse:
Die Ergebnisse zeigen ein insgesamt konsistentes und deutliches Bild.
Bezüglich der ersten Hypothese wird deutlich, dass die Praxisrelevanz theoretischer Studieninhalte von den befragten Studierenden überwiegend kritisch eingeschätzt wird. Der aggregierte Skalenwert liegt bei M = 3.9 und damit im oberen Zustimmungsbereich hinsichtlich einer wahrgenommenen Diskrepanz. Ein Großteil der Studierenden gibt an, dass theoretische Inhalte nur begrenzt auf den schulischen Alltag vorbereiten und zentrale Studieninhalte als zu wenig praxisnah empfunden werden. Die Hypothese, dass die Praxisrelevanz als eher gering wahrgenommen wird, kann somit bestätigt werden.
Die zweite Hypothese, die sich auf den Wunsch stärkerer Praxiseinbindung konzentriert, wird ebenfalls deutlich gestützt. Mit einem aggregierten Skalenwert von M = 4.16 zeigt sich eine klare Zustimmung zur Forderung nach frühzeitigen und kontinuierlichen Praxisanteilen im Studium. Die Mehrheit der Befragten bewertet Praxis nicht nur als sinnvoll, sondern als notwendig für eine angemessene Vorbereitung auf den Beruf. Darüber hinaus wird eine stärkere Praxisintegration auch als motivationsfördernd wahrgenommen.
Im Hinblick auf die dritte Hypothese zeigt sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen Studienfortschritt und der Wahrnehmung einer Theorie-Praxis-Diskrepanz.
Die berechnete Spearmans-Korrelation (rs = .301, p = 0.004) weist darauf hin, dass Studierende in höheren Semestern die bestehende Verzahnung kritischer beurteilen als Studierende in früheren Studienphasen. Dieses Ergebnis legt nahe, dass sich die Wahrnehmung der Problematik im Verlauf des Studiums weiter verstärkt.
Die vierte Hypothese untersucht schließlich den Einfluss von Praxiserfahrungen auf die Offenheit gegenüber dualen Studienmodellen. Hier zeigt sich ein signifikanter Unterschied zwischen Studierenden mit geringerer und umfangreicherer Praxiserfahrung. Studierende mit mehr als 20 Wochen schulischer Praxiserfahrung weisen mit M = 4.35 eine deutlich höhere Offenheit gegenüber einem dualen Lehramtsstudium auf als Studierende mit weniger Praxiserfahrung (M = 3.73). Der Unterschied ist statistisch signifikant, t(86) = -3.684, p <.001) und entspricht einem mittelstarken Effekt. Ergänzend zeigt sich, dass insbesondere die Kombination aus universitären und außeruniversitären Praxiserfahrungen mit einer positiveren Bewertung praktischer Erfahrungen einhergeht.
Insgesamt bestätigen alle vier Hypothesen die zugrundeliegenden Annahmen und verweisen auf eine studentische Perspektive deutlich wahrgenommener Dysbalance zwischen Theorie und Praxis im Lehramtsstudium. Simultan wird ein klarer Bedarf nach stärker praxisorientierten und strukturell verzahnten Ausbildungsmodellen sichtbar.

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