Forschungsfrage:
Wie nehmen Geographielehrpersonen an einem Hamburger Gymnasium die Leitperspektive „Leben und Lernen in einer digital geprägten Welt“ wahr und wie setzen sie diese zur Förderung digitaler Mündigkeit im Unterricht um?
Forschungswerkstatt: „Medienbildung und Schulentwicklung. Methoden und Konzepte auf dem Prüfstand“ 2025/26 – Andreas Hedrich
Autorin: Sophie A. Sohns
Zusammenfassung:
Die Digitalisierung verändert Schule und Unterricht längst nicht mehr nur technisch, sondern auch pädagogisch und fachlich. In Hamburg setzt der Bildungsplan mit der Leitperspektive „Leben und Lernen in einer digital geprägten Welt“ ein klares Ziel: Schüler:innen sollen zu digital mündigen Menschen gebildet werden. Dieser Blog-Beitrag beleuchtet, wie Geographielehrpersonen diesem Auftrag zwischen bürokratischen Vorgaben und rasantem technologischem Wandel in der Praxis nachkommen. Es zeigt sich: Während die Technik oft schon da ist, fehlt es vor allem an Zeit für die kritische Reflexion.
Methode:
Der oben genannten Frage bin ich in einer qualitativen Interviewstudie mit zwei Geographielehrpersonen an einem Hamburger Gymnasium nachgegangen. Ziel war es, mittels semi-strukturierten Leitfadeninterviews herauszufinden, wie Lehrpersonen die Leitperspektive verstehen, wie sie digitale Bildung im Fachunterricht konkret umsetzen und welche Herausforderungen sie dabei erleben. Die Auswertung erfolgte durch eine inhaltlich strukturierende qualitative Inhaltsanalyse nach Kuckartz.
Ergebnisse:
Die Leitperspektive als „Buffet“
Die Ergebnisse zeigen, dass digitale Bildung von den Lehrpersonen zwar als essenziell angesehen, aber eher situativ und pragmatisch umgesetzt wird.
Die Leitperspektive selbst wird im Schulalltag nicht als systematisches Gesamtkonzept verstanden, sondern eher wie ein „Buffet“ behandelt: Lehrpersonen wählen gezielt einzelne Aspekte aus, die gerade fachlich sinnvoll erscheinen, etwa die Arbeit mit digitalen Karten, Satellitenbildern, Internetrecherchen oder Präsentationen. Die behördliche Vorgabe der Leitperspektive dient den Lehrpersonen eher als mögliche Orientierungshilfe und nicht als strukturierte Handlungsanleitung für den Unterricht.
Funktionale Tools vs. kritische Reflexion
Besonders deutlich wurde in den Interviews die Differenz zwischen zwei Ebenen digitaler Mündigkeit:
- Die funktionale Ebene: Der Einsatz von Tablets und digitalen Tools als Werkzeug zur Visualisierung und Recherche funktioniert bereits gut. Die Schüler:innen erwerben hier wichtige anwendungsorientierte Kompetenzen.
- Die reflexive Ebene: Die kritische Auseinandersetzung mit Medienwirkungen oder Datensouveränität, der eigentliche Kern digitaler Mündigkeit, bleibt hingegen oft ein theoretisches Ideal. Im Unterrichtsalltag dominieren häufig noch restriktive Maßnahmen, wie das Einsammeln von digitalen Endgeräten, statt pädagogischer Diskurse über eine verantwortungsvolle Nutzung.
Das „ständige Hinterherhecheln“
Als eine der größten Herausforderungen identifizieren die Lehrpersonen das Tempo der technologischen Entwicklung. Besonders im Bereich der generativen KI erleben die Lehrpersonen ein ständiges „Hinterherhecheln“. Bestehende Bildungspläne werden oft schon kurze Zeit nach ihrer Implementierung als obsolet wahrgenommen. Während die Institution Schule oft träge reagiert, sind die Lehrpersonen im Unterricht dazu gezwungen, unmittelbar auf neue digitale Realitäten zu antworten.
Fazit: Es braucht Zeit, nicht nur Technik
Die Studie macht deutlich: Digitale Bildung braucht nicht nur gute Konzepte auf dem Papier und eine moderne technische Ausstattung. Damit die Digitalisierung den Status eines reinen Werkzeugs überwindet und zum Gegenstand kritischer Reflexion wird, brauchen Lehrpersonen vor allem zeitliche Freiräume und aktuelle Fortbildungen. Gerade im Geographieunterricht, der traditionell medien- und methodenintensiv ist, liegen hier große Chancen für eine Bildung zur mündigen Teilhabe an einer digitalen Welt, sofern die strukturellen Hürden abgebaut werden.